St. Fidelis

Ein Jahr station s in St. Fidelis - eine subjektive Doppelbilanz

Im vergangenen Dezember war es genau ein Jahr her, dass die Gemeindemitglieder die neu renovierte Fidelis-Kirche wieder mit Leben erfüllen durften. Gleichzeitig nahm das spirituelle Zentrum station s in der Seidenstraße seinen Betrieb auf. Genau der richtige Zeitpunkt, um eine erste vorläufige und vor allem sehr subjektive Bilanz zu ziehen – Sylvia Broeckmann und Henning Maak versuchen sich daran aus Sicht zweier Gemeindemitglieder.

© Gabriela Hesselbach

Ein geschichtsträchtiges Jahr ging gerade zu Ende. Sicherlich wird es uns in vielerlei Hinsicht noch lange beschäftigen. Ein kleiner, für mich aber persönlich bedeutungsvoller Teil war der Umbau der St. Fidelis Kirche. Und Umbau ist in mehrfacher Hinsicht zu verstehen: die baulichen, aber auch die organisatorischen Veränderungen, die auch liturgische und spirituelle „Umbauten“ mit sich brachten.

Der Abschied von der „alten“ Kirche war nicht leicht. Aber ich erinnere mich an den ersten Besuch in der neuen Kirche – welch eine Veränderung! Welch ein Raum! Er wirkt hell, einladend, weit und vermittelt doch Geborgenheit. Nur die Anordnung der Stühle gefiel mir nicht. Mir fehlte die Ausrichtung auf den Altar. Allerdings habe ich meine Meinung mittlerweile geändert: Durch die Coronabedingungen mit den weiten Entfernungen zueinander fühle ich mich in traditionellen Bänken etwas verloren. Aber in St. Fidelis habe ich das Gefühl, in einem großen Kreis, in echter Gemeinschaft zu sitzen. Außerdem kann ich mich je nach aktuellem Gefühl an verschiedene Stellen setzen und so meinen Fokus verändern: auf den Altar, den Tabernakel, die Pietà, den Ambo, dazwischen – je nachdem erlebe ich auch den Gottesdienst verschieden.

Vor dem Umbau bin ich meist in den Sonntagabendgottesdienst gegangen. Die Uhrzeit war praktisch, und die große, bunte Gemeinde gefiel mir. Seitdem der Abendgottesdienst von Station S gestaltet wird, wechsle ich. Der Abendgottesdienst ist eher meditativ gestaltet. Diese Form passt manchmal wunderbar, wenn ich das Gefühl habe, mich auf mich und meine Beziehung zu Gott besinnen zu wollen. Zu anderen Zeiten ist mir aber auch die Gemeinde wichtig. Die kommt mir abends etwas zu kurz. Dann brauche ich eher den Gottesdienst am Morgen. Und so ist es ja vielleicht auch gut: verschiedene Bedürfnisse brauchen verschiedene Angebote.

Zu Corona-Zeiten ist die Gemeinde sowieso weit gehend zur Passivität gezwungen. Jetzt wird richtig spürbar, wie sehr das Singen und die Formen des Ausdrucks der Verbundenheit wie der Friedensgruß fehlen. Wenn all das wieder möglich sein wird, werde ich es wahrscheinlich umso mehr zu schätzen wissen.

Außerhalb der Gottesdienste gibt es leider wenig Verbindung zwischen Station S und der Gemeinde. Das fällt mir immer dann besonders auf, wenn die Angebote der Gemeinde wie das Taizé-Gebet, das Bibel getanzt, das Friedensgebet oder andere Aktivitäten nicht integriert werden. Da sehe ich noch Entwicklungsbedarf. Aber die neue Organisation ist ja auch erst ein Jahr alt. Ein kleines Baby, das noch wachsen wird.

Sylvia Broeckmann

 

Auch wenn über die Pläne mit St. Fidelis schon seit mehreren Monaten beziehungsweise sogar Jahren Informationen im Umlauf waren, habe ich erst bei einer Baustellenbesichtigung im Oktober 2019 richtig begriffen, was sich nach dem Umbau der Kirche alles in Fidelis tun soll. Pastoralreferentin Kirstin Kruger-Weiß stellte anschaulich Ideen und Projekte vor, mit denen Station S in Zukunft Menschen auf der Suche nach Orientierung, Sinn und vielleicht auch Gott spirituell begleiten will. Das Angebot reichte von „Stille mittendrin“ über christliches Yoga bis hin zu gemeinsamen Koch-Events.

Ich stehe neuen Ideen in der Kirche grundsätzlich positiv gegenüber. Wir müssen uns nichts vormachen, die Gemeindemitglieder werden immer älter, der Nachwuchs fehlt, und immer mehr Menschen fühlen sich von den klassischen Angeboten einer Kirchengemeinde nicht mehr angesprochen. Häufig sind diese Menschen aber auf der Suche nach Orientierung und brauchen vielleicht nur einen anderen Zugang zu Glaube und Kirche. Und da muss man sich doch eigentlich wundern, dass die Idee eines spirituellen Zentrums
nicht schon viel früher aufgekommen ist.

Es ist natürlich tragisch, dass die Corona-Pandemie den Neustart so jäh ausgebremst hat. Die Anfänge im Januar und Februar waren sehr viel versprechend. Zur ersten Stunde im Holy Yoga mit Eva Ahlers kamen viele neue Gesichter, die sich von dem hellen neuen Kirchenraum beeindruckt zeigten. Auch zu den ersten beiden Taizé-Gebeten im neuen Raum der Stille kamen so viele neue Interessierte wie schon lange nicht mehr. In die Gottesdienste der Gemeinde haben einige neue Gesichter den Weg gefunden – und werden belohnt von Predigten unseres neuen Pfarrers Stefan Karbach, die einem immer etwas zum Nachdenken mitgeben.

Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass sich einige Gemeindemitglieder mit der neuen Aufteilung des Kirchenraumes – vor allem mit den Stühlen, die nicht zum Altar ausgerichtet sind, sondern sich gegenüberstehen – nicht anfreunden können und lieber in eine traditionelle Kirche gegen. Dafür haben einige Gottesdienstbesucher, die in den Jahren zuvor – da nehme ich mich selbst im Übrigen gar nicht aus – nicht so regelmäßig zu sehen waren, den Weg zurück in den neuen Raum gefunden.

Natürlich war es am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, sich in der Kirche auf einmal gegenüber zu sitzen. Und man kommt mehr in Bewegung, wenn man sich jeweils Ambo und Altar auch körperlich zuwendet, die an verschiedenen Enden des Raumes stehen. Und es mag - auch nach einem Jahr - den ein oder anderen immer noch irritieren, dass jeder mitbekommt, wenn man etwas zu spät zum Gottesdienst kommt. Man kann es aber auch einfach als Motivation betrachten, pünktlich zu sein – Pfarrer Karbach geht da mit gutem Beispiel voran, indem er immer schon circa zehn Minuten vor Beginn der Messe an seinem Platz sitzt. Auf mich wirkt das sehr beruhigend, ich kann mich dann gut sammeln. Ich hatte mich nach circa drei Wochen an die neue Sitzordnung gewöhnt. Allerdings kannte ich diese auch schon von St. Antonius in Kaltental – dort waren meine Frau und ich wegen Pfarrer Roland Renz, der uns vor mehr als 20 Jahren getraut hat.  

Ich genieße es auch, am Sonntag die Möglichkeit zu zwei Gottesdiensten verschiedener Ausprägung zu haben: Vormittags der klassische Gemeindegottesdienst, am Abend der Gottesdienst von Station S, der irgendwie einen besonders einladenden Charakter hat und öfters mit einer Überraschung aufwartet: Mal werden an alle Besucher Nikoläuse verteilt, mal werden Segenskarten für liebe Mitmenschen geschrieben oder Fürbitten verlesen, die die Gottesdienstbesucher selbst verfasst haben. Es werden alle Sinne angesprochen und manch einer hat im Anschluss schon eine Träne der Rührung verdrückt.

Zu den Höhepunkten des vergangenen Jahres gehörten für mich die drei „Literatur-Gottesdienste“, in denen Pfarrer Karbach, Kirstin Kruger-Weiß und Organist Tobias Wittmann je eines ihrer Lieblingsbücher vor- und in den Mittelpunkt ihrer Predigt gestellt haben. Apropos Tobias Wittmann: Dieser sorgt – ebenso wie seine beiden Kollegen Peter Schleicher und Raphael Vilgis – immer wieder für herausragende musikalische Akzente in den Gottesdiensten und beweist, dass St. Fidelis zu Recht auch kirchenmusikalisches Zentrum ist.  
Ich ziehe somit nach einem Jahr ein rundum positives Fazit – und auch wenn vielleicht im Zusammenspiel mit allen Akteuren noch nicht alles immer rund läuft: Mit etwas gutem Willen von allen Seiten und vor allem einer gesunden Portion Humor lässt sich viel bewegen.

Henning Maak

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