Gesamtkirchengemeinde

Drei Orgeln und drei Kirchenmusiker – ein Porträt

Die Orgel ist die Königin der Instrumente. Seit 2017 sind Orgelmusik und Orgelbau durch die UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Allein in Deutschland gibt es etwa 50.000 Orgeln. Für das Jahr 2021 ist die Orgel von den Landesmusikräten zum "Instrument des Jahres" gekürt worden. Für uns Anlass, die drei Orgeln der Gesamtkirchgemeinde vorzustellen und dabei auch die Profis, unsere drei hauptamtlichen Kirchenmusiker, Peter Schleicher, Tobias Wittmann und Raphael Vilgis, zu Wort kommen zu lassen.

Aber zunächst ein kurzer Überblick über die Fakten:

St. Elisabeth
Orgelmanufaktur:       Rieger
Baujahr:                      1957
Register:                     57
Manuale:                     4
Anzahl Pfeifen:           3894

St. Clemens
Orgelmanufaktur:       Mönch
Baujahr:                      1982
Register:                     21
Manuale:                     3
Anzahl Pfeifen:            370 Pfeifen aus Zinn-Legierungen und Holz

St. Fidelis
Orgelmanufaktur:       Vleugels
Baujahr:                      2005
Register:                      44
Manuale:                      3
Anzahl Pfeifen:            3071

Peter, warum gilt die Orgel eigentlich als die Königin der Instrumente?
Die Orgel ist zum einen das größte und in der Ausstattung prächtigste Musikinstrument. Zum anderen ist das Orgel spielen nicht gerade leicht zu erlernen. Entscheidend ist aber, dass der Klang einer Orgel an Tiefe und Höhe mehr Umfang hat, als alle anderen Instrumente. Was den Reichtum ihrer Klangfarben, den Tonumfang und die Dynamik ihrer Lautstärke betrifft, so kann allenfalls ein Orchester mithalten. In Summe sind das einfach königliche Eigenschaften, die letztlich auch dazu geführt haben, dass sich die Orgel als Instrument in den Kirchen überhaupt durchgesetzt hat.

Wieso letztlich?
Ursprünglich war die Orgel ein weltliches Instrument. Sie wurde im 3. Jahrhundert vor Christus in Alexandria von einem Tüftler namens Ktesibios erfunden. Konstruiert mit einer wasserbetriebene Druckpumpe wurde sie unter dem Namen „organon hydraulikon“ bekannt. Die Griechen veranstalteten Wettbewerbe mit dem Instrument, die Römer untermalten mit den Klängen Gladiatorenkämpfe oder andere Veranstaltungen. Das war auch der Grund, warum die frühen Christen zur Orgel einen gewissen Abstand wahrten, fanden doch nicht wenige Christen im Zuge der römischen Christenverfolgungen bei derartigen Unterhaltungsspielen für die römische Oberschicht den Tod. Erst im 8. Jahrhundert kam die Orgel dann als diplomatisches Gastgeschenk nach Zentraleuropa. Allmählich zog sie in die Kirche ein. Erst im 17. Jahrhundert begann man mit der Orgel den Gemeindegesang zu begleiten.

Und was macht das Orgel spielen so schwierig?
Die Schwierigkeit liegt darin, dass man Orgel mit Händen und Füßen gleichzeitig spielt und im Gegensatz zum Klavier auch meist mehrere übereinander liegende Manuale (so nennt man die Tastatur an der Orgel) bedienen muss. Richtig große Orgeln haben bis zu 6 Manuale. Die Noten stehen daher auch nicht wie beim Klavier in zwei sondern in drei- oder vier Notensystemen, die man gleichzeitig lesen muss. Für das Gehirn ist es eine komplexe Aufgabe, die Konzentration auf Hände und Füße gleichermaßen zu verteilen. Zusätzlich muss man eine genaue Klangvorstellung der einzelnen Register (Klangfarben) entwickeln und wissen, wie welches Register klingt, was man gut zusammenmischen kann. Das ist aber an jeder Orgel auch wieder anders. Man muss lernen sich an verschiedenen Instrumenten sehr schnell zurechtzufinden und sich gleichzeitig noch stilistisch mit den einzelnen Werken auskennen und wie man sie am besten auf der entsprechenden Orgel klanglich und musikalisch wiedergeben kann.

Tobias, du hast neben deiner Tätigkeit in St. Fidelis und dem Regionalkantorat in den letzten Jahren auch Orgelbaukunde an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst unterrichtet. Kannst du für die Leser des Gemeindebriefs die Hauptbestandteile und Funktionsweise einer Orgel für Laien verständlich erklären?
Man könnte die Orgel mit einem menschlichen Körper vergleichen, bei dem die Balganlage die Lunge darstellt. Am Ende steht der Klang – die Stimme des Instruments – der erzeugt wird durch Wind in den Pfeifen, deren Aufbau ebenfalls Begriffe aus der Anatomie entlehnt: Kehlen, Zungen, Lippen, Bärte. Die Spielimpulse werden von der Taste bis zum Pfeifenventil über feine Holzleisten geleitet, die wie Nervenbahnen das Innere der Orgel durchziehen. Das Herzstück ist die Windlade, sie verbindet die verschiedenen Bestandteile des Instruments. Das alles macht jedes Instrument zu einer unverwechselbaren Persönlichkeit, gibt ihm eine Seele.

Und was bedeutet dann der Spruch alle Register ziehen?
Na ja, das Sprichwort meint ja, dass man alle verfügbaren Mittel einsetzt, um etwas zu erreichen. Wenn ich alle Register ziehe, sind alle Pfeifenreihen aktiviert und der volle Klangkörper der Orgel kommt zum Einsatz. Ob das immer zielführend ist, sei dahingestellt…

Die Improvisation ist dir besonders wichtig und hat sowohl in den Gottesdiensten als auch in den wöchentlichen resonanzen einen besonderen Stellenwert in St. Fidelis. Wie kann man sich das als Laie vorstellen? Spielt man wirklich völlig frei ohne Noten, oder bereitet man sich darauf doch irgendwie vor?
Man spielt zwar ohne Noten, aber auch dieses Improvisieren muss man üben. Eigentlich genauso viel wie das Spielen von Literaturwerken. Aber man übt anders: man eignet sich ein Repertoire von harmonischen, melodischen, rhythmischen und formalen Wendungen an, die einem während der Improvisation dann möglichst flexibel zur Verfügung stehen. Mir persönlich ist es sehr wichtig, da immer das Eigene hineinzulegen, mich von der Situation, dem Raum, dem Instrument und dem Augenblick inspirieren zu lassen. Nur so ist das für mich ‚echt‘.

Raphael, keine Orgel ist wie die andere, jede also in gewisser Hinsicht ein Unikat und zugleich an die Akustik des Raumes angepasst, in dem sie erklingt. Kannst du uns als gelernter Orgelbauer erklären, wie sich unserer drei Orgeln im Wesentlichen unterscheiden?
Durch die Epochen hindurch hat sich das Klangideal der Musik und auch speziell der Orgelmusik immer wieder stark verändert. Das hatte auch Auswirkungen auf den Orgelbau. So klingt zum Beispiel der Principal, das „Grundregister“ der Orgel, in einer Barockorgel etwas schlanker als der einer romantischen Orgel. Hinzu kommen noch regionale Unterschiede und persönliche Handschriften verschiedener Orgelbauer und Orgelbauerschulen.

Die Orgel in St. Elisabeth ist gemäß ihrer Erbauungszeit als „neobarockes“ Instrument konzipiert, ihr Klang ist in dem großen Kirchenraum sehr transparent. Besonders ist hier das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Orgelbaulandschaften. Während die schlanken Principale deutscher Bauart im Hauptwerk stehen, kann man im Italienischen Werk Principale mit einem satten, fülligen Klang finden. Aus Spanien stammt die Idee der aus dem Kirchenschiff sichtbaren Horizontalen Trompeten mit einem kräftigen strahlenden Klang.

Die Orgel in St. Fidelis beherbergt das Klangbild unterschiedlicher Epochen. Dem Organisten stehen einige Grundstimmen zu Verfügung, darunter Flöten unterschiedlichen Charakters und diverse Streicherstimmen. Zu erwähnen sind die verschiedenen Zungenregister, über Posaunen, Trompeten, der Oboe, der Schalmei bis hin zur Vox Humana, einem leisen Register das die menschliche Stimme zu imitieren versucht. Insgesamt besitzt die Orgel einen warmen, runden Klang. Die Pfeifen des zweiten und dritten Manuals stehen jeweils in einem Schwellwerk, also einem Kasten der mittels Jalousien geöffnet und geschlossen werden kann. So kann der Organist ein stufenloses Crescendo vom pianissimo bis zum fortissimo erzeugen. Seit der klanglichen Erweiterung 2019 besitzt die Orgel nun einige Besonderheiten des modernen Orgelbaus, darunter eine Marimba, Xylodur sowie die Röhrenglöcken. Eine Winddrossel, Tastenfessel und der Mixtursetzer erweitern die klanglichen Möglichkeiten über eine „klassische Orgel“ hinaus.

In St. Clemens steht die kleinste der drei Orgeln. Ihre Größe ist dem Kirchenraum angemessen und ihr Klang kann diesen füllen. Die Disposition, also die Zusammenstellung der einzelnen Register, ist so konzipiert, dass das Instrument dem Organisten viele klangliche Möglichkeiten bietet. Jedes Manualwerk und auch das Pedalwerk kann solistische Aufgaben übernehmen und besitzt gleichzeitig auch ein Plenum, also die vollklingende Registerkombination aller Prinzipale samt der Mixtur als Klangkrone – als typischer Orgelklang bekannt. Darüber hinaus kann jedes Werk auch zum Begleiten der anderen Werke genutzt werden. Den Einfluss aus Frankreich kann man in dem schnarrenden Register Cromorne (Krummhorn) hören. Die zartstreichende Spitzgamba besitzt nicht wie üblich zylindrische Pfeifen sondern Pfeifen mit einem konischen Körper (nach oben enger werdend).

Kann man diese Unterschiede auch als Laie hören? Und wie äußern sich diese Unterschiede in der Musik?
Ja, auch wenn jeder den Klang individuell hört und persönlich wahrnimmt – unsere Orgeln unterscheiden sich stark in ihrem Klang. Wenn man nur die Principalregister miteinander vergleicht, kann man hören, dass diese in St. Elisabeth eher hell und schlank (mit Ausnahme des erwähnten Italienischen Werkes) klingen, die Pincipale in St. Clemens ein charmantes Singen besitzen und diese in St. Fidelis sich durch einen warmen umarmenden Klang auszeichnen. Das gilt natürlich auch für die anderen Register wie zum Beispiel die unterschiedlichen Flöten- und Streicherstimmen. So besitzt jedes unserer Instrumente ihre eigene persönliche Farbigkeit und ihren eigenen Charakter. Wir Organisten dürfen uns von diesen Persönlichkeiten inspirieren lassen und genießen es, beim Orgelspiel auf die vielen Schattierungen und Färbungen zurückgreifen zu können.

Zu guter Letzt eine ganz persönliche Frage– was war bisher das eindrucksvollste Erlebnis für euch an der Orgel?
Peter: Das Orgelkonzert in Naumburg, das ich in der dortigen Kirche St. Wenzel spielen durfte, denn diese Orgel hat Johann Sebastian Bach selbst noch gekannt und auch als Gutachter abgenommen und geprüft – ein grandioses Klangerlebnis.

Tobias: Die 24-Stunden Performance der Vexations (Quälereien) von Eric Satie in St. Fidelis.

Raphael: Ein Konzert mit einer Stummfilmimprovisation zu „Das Leben der Jeanne d'Arc“

Herzlichen Dank an euch drei!
Das Interview führte Friederike Schauenburg-Klasen.

 

Wenn Sie die drei Orgeln (oder Kirchenmusiker) unserer Gesamtkirchengemeinde genauer kennenlernen möchten, können Sie gerne zu eine der drei Orgelführungen kommen:
St. Clemens   Sonntag, 26. September 2021, 12.00 Uhr mit Otto Hockel
St. Elisabeth  Donnerstag, 18. November 2021, 19.15 Uhr mit Peter Schleicher und Raphael
                      Vilgis
St. Fidelis      Donnerstag, 21. Oktober 17.00 Uhr, mit Tobias Wittmann, anschließend
                      resonanzen

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